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Gegen Armut und soziale Ausgrenzung

Europakongress 2010 von Caritas und Diakonie in Baden-Württemberg

Armut und soziale Unterschiede sind in Europa auch Jahre nach Gründung der EU so gravierend, dass die vier kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg erstmals einen Europakongress veranstalteten. Dieser fnd in der Stuttgarter Liederhalle unter dem Titel „Leben in Fülle – Europa sozial und gerecht gestalten“ statt. Die Veranstalter Diakonie und Caritas in Baden-Württemberg wollen damit eine Debatte zwischen allen gesellschaftlich relevanten Akteuren zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung anstoßen. Heute und morgen werden auf dem Europakongress 2010 „Leben in Fülle – Europa sozial und gerecht gestalten“ zahlreiche Podiumsgespräche, Foren und Workshops angeboten, die Wege zu einem sozialen und gerechten Europa vorstellen.

Für Baden-Württemberg rief Kirchenrätin Heike Baehrens, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, zur Bekämpfung von Armut auf: „Betroffen davon sind in besonderer Weise Familien mit mehreren Kindern und in hohem Maße Alleinerziehende.“ Caritas und Diakonie setzten sich daher für eine wirksame Grundsicherung ein, mit der das soziokulturelle Existenzminimum von Kindern abgedeckt werde. Baehrens wies deutlich auf den Zusammenhang zwischen Armut und unzureichender Bildung hin. „Noch immer werden Kinder aus benachteiligten Familien durch die vorhandenen Strukturen im Land zu wenig unterstützt“. Um die Bildungspolitik in Baden-Württemberg neu auszurichten, sei „eine ganztagesbezogene Bildungskonzeption für alle Altersstufen“ grundlegend, die nachhaltiges Lernen ermögliche und den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Familie ergänze, so Baehrens.

Die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung machte Msgr. Bernhard Appel, Direktor des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg, als eine der größten Herausforderungen für die Europäische Union aus. Mit dem Europäischen Sozialfonds (ESF) habe die EU ein wichtiges Instrument, um Menschen beim Zugang zum Arbeitsmarkt zu unterstützen. Mithilfe dieser EFS-Mittel gestalteten die kirchlichen Wohlfahrtsverbände seit Jahren viele innovative Projekte. Appel forderte das Land Baden-Württemberg und die Kommunen dazu auf, auch zukünftig mit eigenen Ko-Finanzierungen diese europäischen Mittel zu ergänzen. Neben Arbeit sei der Zugang zu Bildung ein Weg, um Armut wirksam zu bekämpfen. Mit Bildung sei dabei nicht eine Auslese von Nachwuchskräften gemeint, „sondern individuelle Förderung für jeden Einzelnen.“ Die Gestaltung eines sozialen Europas ist für Appel eine Vision. Sie werde von der Einsicht getragen, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung zusammengehören.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung in Europa bezeichnete Johannes Böcker, Caritasdirektor der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Versorgung von pflege- und hilfebedürftigen Menschen als eine zentrale Herausforderung. „Ein Teil der von Pflege Betroffenen reagiert auf den Pflegenotstand, indem sie Pflegepersonal aus dem Ausland beschäftigen.“ Ein Phänomen, das vielmals mit Schwarzarbeit verbunden sei. Daher forderte Böcker ein Umdenken dahin, dass nicht alleine die Familienangehörigen für die Versorgung ihrer pflegebedürftigen Verwandten zuständig sind. Vielmehr müssten neue Strukturen geschaffen werden, die die Familienangehörigen unterstützten und ehrenamtliche Netzwerke fördern. Um den Mangel an ausgebildetem Personal auszugleichen, dürfe sich die Arbeitssituation in Deutschland nicht noch weiter verschlechtern. „Es bedarf vielmehr einer Aufwertung der Pflegeberufe.“ Die Anforderungen für die Ausbildung dürften aber auf keinen Fall gesenkt werden.

Ein Europa ohne Grenzen öffnet auch der Prostitution als ein grenzüberschreitendes Gewerbe die Türen. Oberkirchenrat Johannes Stockmeier, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Baden, sieht es als Aufgabe der Kirchen, Hilfsangebote für Frauen zu schaffen, die sich aufgrund von Zwang oder Abhängigkeiten prostituieren. Schätzungsweise 400.000 Frauen und Mädchen verdienten in Deutschland auf diese Weise ihren Lebensunterhalt. Gerade Armut und Perspektivlosigkeit gehörten mit zu den häufigsten Gründen, warum sich Menschen prostituierten. „Viele Prostituierte sind Opfer von Menschenhandel. Die Frauen und Mädchen werden mit falschen Versprechungen hierher gebracht und mit physischer oder psychischer Gewalt zur Prostitution gezwungen.“ In der sozialen Arbeit gebe es nur wenige Einrichtungen, die sich ausschließlich mit der Prostitution beschäftigten. Es sei aber eine zentrale diakonische Aufgabe für Menschen in seelischer und leiblicher Not da zu sein und sie als gleichwertiges Gegenüber wahr zu nehmen.

 

letzte Aktualisierung am 19. März 2010

 
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