Wenn
wieder das Gefühl vom Bauch her aufsteigt...
Epilepsie – woher kommt
sie? Wie geht man damit um? Wie fühlen sich
die Betroffenen? In Deutschland gibt es derzeit
mehr als 600.000
Erkrankte. Das Epilepsiezentrum Kork ist das
modernste Epilepsiezentrum Europas. In der diakonischen
Fachklinik in Baden mit Wohn- und Arbeitsbereichen
werden vor allem therapieresistente Menschen
behandelt. Wir sprachen mit Professor Dr. med.
Bernhard Steinhoff (45), ärztlicher Direktor
des Zentrums und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft
für Epileptologie.
• Herr Professor
Steinhoff, wer bekommt eine Epilepsie?
Steinhoff: Im
Grunde kann jeder eine Epilepsie bekommen. Niemand
ist davor gefeit, weil es
verschiedene Ursachen von Epilepsien gibt.
Manche entspringen einer bestimmten genetischen
Neigung. Es gibt aber auch viele Epilepsien,
die darauf beruhen, dass es im Gehirn einen
geschädigten Bezirk gibt, in dessen Randzone
typischerweise epileptische Aktivität
entsteht. Und da wir alle nicht davor gefeit
sind, eine solche Schädigung zu erwerben,
ist es prinzipiell möglich, dass jeder
von uns an einer Epilepsie erkrankt. Häufigere
Ursachen sind auch angeborene Anlageanomalien
des Gehirns, die wir erst in letzter Zeit überhaupt
finden durch Kernspintomografie. Tumorerkrankungen,
stattgehabte Schlaganfälle, Schädelhirntraumata...
Der Möglichkeiten gibt es viele.
• Was man landläufig über
Epileptiker weiß, ist, dass man sie
am Helm erkennt, der sie vor Verletzungen
durch Stürze schützen
soll und dass Anfälle mit Krämpfen
und Schaum vor dem Mund verbunden sind. Das ist
aber nicht immer so. Woran erkennt man, dass
jemand einen epileptischen Anfall hat?
Steinhoff: Je nachdem
wo im Gehirn die epileptische Aktivität
entsteht, werden entsprechende Symptome sichtbar.
Sie beruhen immer auf einer
plötzlichen, abnormen Erregungsteigerung
eines Nervenzellverbandes im Gehirn. Wenn dieser
Nervenzellverband zum Beispiel in der motorischen
Hirnrinde liegt, dann ist das Resultat, dass
auf der anderen Körperseite der Arm zuckt.
Wenn ein Anfall in der Sehrinde stattfindet,
dann kommt es zu einer visuellen Halluzination.
Alle Anfälle treten plötzlich auf.
Sie dauern in der Regel nicht länger als
1-2 Minuten. Der Mensch ist von einer plötzlichen Änderung
betroffen, die man ihm ansehen kann oder man
sieht es ihm nicht an, dann sind wir auf seinen
Bericht angewiesen. Das wiederkehrende, plötzlich
auftretende, zeitlich limitierte und dass der
Ablauf immer derselbe ist, ist allen epileptischen
Anfällen gemeinsam.
• Was empfindet
man bei einem epileptischen Anfall?
Steinhoff: Das hängt davon ab, ob die Wahrnehmung
oder die Empfindung gestört ist. Wenn das
so ist, gibt es verschiedene Vorgefühle.
Es kommt wie gesagt ganz darauf an, wo der Generator
des epileptischen Anfalls sitzt. Es gibt Patienten,
die haben Auren, das sind epileptische Vorgefühle,
im Grunde genommen Halluzinationen. Ein merkwürdiges
Gefühl aus der Bauchgegend aufsteigend wird
häufig beschrieben. Es gibt Menschen, die
akustische Empfindungen oder Halluzinationen
haben. Es gibt Patienten, die Sensibilitätsstörungen
haben und zum Beispiel den Arm hoch ziehen. Es
gibt das Gefühl der bestimmten Vertrautheit,
dass der Patient es gar nicht in Worte fassen
kann, was gerade über ihn hereinbricht,
er aber schon sagen kann, dass er dieses Gefühl
sofort wiedererkennt. Wenn Anfälle mit Bewusstseinsverlust
einher gehen, kann der Patient erst an mittelbaren
Zeichen erschließen, dass er wahrscheinlich
einen Anfall gehabt hat. Etwa an der verschreckten
Reaktion der Umgebung. Oder dass in seinem Zimmer
etwas in Unordnung ist oder er einfache eine
Zeitgitterstörung hat und nicht weiß was
er in den letzten fünf Minuten getan hat.
Heute hatte ich eine Patientin, die darunter
am meisten leidet, dass sie nicht weiß,
was sie in dieser Phase angestellt hat. Das ist
natürlich extrem sehr belastend.
• Sie behandeln
hier vor allem therapieresistente Patienten.
Manche
können operiert werden.
In welchen Fällen empfehlen Sie zu operieren?
Steinhoff: Es gibt Patienten, die von einer Operation
profitieren. Der ideale Kandidat hat eine Chance
von 70 Prozent anfallsfrei zu werden. Ob mit
oder ohne Medikamente ist noch mal eine andere
Frage. Bei therapieresistenten Patienten gelingt
es uns auch manchmal, die Therapieresistenz zu
beseitigen und sie auch konservativ besser zu
behandeln. Eine der häufigeren Ursachen
therapierresistenter Epilepsien ist übrigens,
dass Patienten gar keine Epilepsien haben sondern
andere Erkrankungen. Wir haben durchaus auch
Patienten, die eine zwanzig-dreißigjährige „Epilepsiekarriere“ hinter
sich haben, ehe sie dann hier erfahren, dass
sie gar keine Epilepsie haben.
• Das ist ein
gutes Beispiel. Ab wann kann ich zu Ihnen
in Ihre Fachklinik kommen?
Steinhoff: Jederzeit. Wir haben Patienten, die
nach dem ersten Anfall zu uns kommen. Die sind
natürlich in der Minderheit. Dafür
gibt es viele gute, niedergelassene Kollegen
und Kliniken, die solchen Patienten helfen können.
Wir haben aber auch Patienten, die nach ihrer
Prognose für ihre weitere Lebensplanung
fragen.
Grundsätzlich lehnen wir niemanden ab. Sinnvoll
ist es dann, wenn bei einem bestimmten Krankheitsbild
ein therapeutisches Konzept entworfen ist und
es nicht funktioniert. Wenn man Epilepsie nach
Lehrbuch ordentlich behandelt und der Patient
hat immer noch Anfälle, dann stimmt irgend
etwas nicht. Ist es eine therapieresistente Epilepsie
oder ist die Diagnose falsch? Ab dann sollte
ein Epilepsiezentrum in Anspruch genommen werden.
Es ist nicht gut, dass manche Erwachsene Patienten
erst nach 25 Jahren ins Epilepsiezentrum kommen.
• Sie sprachen
von einer Patientin, die darunter leidet,
dass sie sich nicht erinnern kann, was
in der Zeit ihres Anfalls passiert ist. Epilepsie
hat also auch soziale Folgen. Welche haben Sie
festgestellt?
Steinhoff: Es ist natürlich primär
sozial belastend, dass Menschen im Umgang mit
Epilepsiepatienten sich nicht immer leicht tun.
Das verstehe ich zum Teil auch. Da bestehen Ängste,
Vorurteile, man ist teils fasziniert, teils verschreckt,
dass ein Mensch sich so schnell verändert
und andere Dinge tut, als er normalerweise tun
würde. Es hat aber auch für den Betroffenen
selbst unmittelbare Konsequenzen. Es ist ja kein
Zufall, dass 30 Prozent unserer Patienten neben
der Epilepsie auch Depressionen oder häufig
Angststörungen haben. Angst, sich überhaupt
noch in soziale Kontakte zu begeben. Soll ich
denn noch ins Theater gehen, wenn mir so was
passieren könnte und ich mich wieder finde
in einer Traube von Menschen? Es gehört
schon sehr viel Mut dazu, sich solchen Situationen
in der Öffentlichkeit zu stellen. Da haben
wir viel therapeutische Arbeit zu leisten, um
solchen Menschen zu helfen.
• Wie gehen Familienangehörige
damit um?
Steinhoff: Ganz unterschiedlich. Der Umgang
von Angehörigen mit einem Familienmitglied,
das eine chronische Krankheit hat, ist nie
ganz unbelastet. Da gibt es Menschen, die eine
eher überbehütende Haltung einnehmen
und ständig versuchen vorzuschreiben und
zu kontrollieren. Es gibt andere, die versuchen
die Autonomisierung des Patienten nicht zu
behindern, unverkrampft mit dem Problem der
immer wiederkehrenden Anfälle und der
Gefährdung des Patienten umzugehen. Das
fordern wir als Therapeuten immer ein. Ich
weiß aber genau, wie schwer es für
die Angehörigen ist, dies einzuhalten.
Epilepsiechirurgie ist ein gutes Beispiel dafür,
dass eine chronische Erkrankung beseitigt wird
durch diese Operation. Da gibt es Familien-
und Freundesstrukturen, in die eingewoben war,
dass der Patient eine Epilepsie hatte. Jetzt
ist diese Epilepsie plötzlich weg. Die
Hilfsbedürftigkeit entfällt. Der
Patient will wieder ein freies Leben führen.
Ich habe schon erlebt, das Familienstrukturen
sich negativ verändert haben zum Beispiel
Ehescheidungen nach operativen Eingriffen.
Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt,
wundert einen das nicht.
• Gibt es auch
Patienten, die sagen, sie fühlen
sich in ihrem gewohnten Umfeld wohl. Sie möchten,
das alles so bleibt wie es ist und sich nichts
verändert?
Steinhoff: Ja durchaus. Wenn Menschen sich mit
der Krankheit halbwegs arrangiert haben, wenn
sie Angst haben, sich nach vielen Jahren einer
veränderten Lebenssituation stellen zu müssen.
Wir haben Patienten, die, auch wenn wir ihnen
sagen, dass sie ein guter Kandidat für einen
chirurgischen Eingriff sind, lange nachdenken,
ob sie sich wirklich operieren lassen. Wir haben
auch Patienten, die eine Operation für sich
ablehnen und sagen, unter Abwägung von Nutzen
und Risiko bin ich mit meiner Situation zufrieden.
Davor habe ich hohen Respekt. Wir klären
auf, was es für Therapiemöglichkeiten
gibt. Der Patient muss so gut aufgeklärt
sein, dass er gemeinsam mit seinen Freunden und
Familienangehörigen in der Lage ist, die
Entscheidung für sich zu treffen, die wir
respektieren und mittragen
• Sind Gehirnoperationen
risikoreich?
Steinhoff: Es ist ein großer Eingriff am
Gehirn. Solche Eingriffe haben grundsätzlich
ein Sterblichkeitsrisiko von 1 Prozent. Wenn
eine Komplikation auftritt, ist das Risiko 3-5
Prozent, dass daraus eine permanente Beeinträchtigung
oder Behinderung entstehen kann. Man kann aber
auch umgekhrt aus diesen Zahlen schließen,
dass man eine Chnace von 95% hat, dass im Zusammenhang
mit der Operation alles problemlos funktioniert.
Und man darf nicht vergessen, dass bei schwer
behandelbaren Epilepsien- um die geht es ja bei
operativen Eingriffen- ein lebenslanges Risiko
ja auch besteht, wenn man auf eine Operation
verzichtet. Solche Patienten haben ein erhöhtes
Sterblichkeitsrisiko und ein erhöhtes Risiko,
sich durch Unfälle zusätzliche Leiden
zuzuziehen.
• Ein Wissenschaftler
in Kalifornien will herausgefunden haben,
dass
religiöse Erfahrungen der Gottesnähe
etwas mit Vorgängen im Gehirn zu tun haben,
die man auch als Epileptische Anfälle beschreiben
könnte. Was halten Sie davon?
Steinhoff: Ich will doch sehr hoffen, dass überzeugte
Gottesnähe was mit dem Gehirn zu tun hat...
• Der gleiche
Wissenschaftler sagt, dass seine Ergebnisse
ja gar nicht negativ
sind, denn man
könne sie auch so beschreiben, dass Gott
den Menschen so geschaffen hat, damit er Erfahrungen
der Gottesnähe machen kann.
Steinhoff: Ich halte das für zu simplizistisch.
Ich verstehe, was gemeint ist. Es gibt Temporallappenepilepsien.
Wenn diese Menschen Anfälle haben, dann
haben sie eine gewisse fremdartige Veränderung
in der Wahrnehmung. Es gibt auch Patienten, die
religiös gefärbte Auren haben können.
Das hat aber nur im weitesten Sinne etwas miteinander
zu tun. Das eine ist eine plötzliche abnorme
Störung der Hirnfuktion. Das andere ist
ein Resultat des komplexen Zusammenspiels der
Integrität unseres Gehirns als kortikalem
Netzwerk, dem dann eine religiöse Überzeugung
sinnhaft entspringt. Insofern ist das ein eher
banaler Vergleich, der die Realität nicht
wirklich widerspiegelt. Bei einem epileptischen
Anfall feuert plötzlich ein Heer von Neuronen,
und das ist nicht natürlich. Unser Denken,
unsere Seele, beruht darauf, dass ein komplexes
Zusammenspiel des gesamten Gehirns unter Miteinbeziehung
der Temporallappenfunktion vor sich geht. Das
ist was völlig anderes als die „epileptische
Einbahnstraße“. Deshalb mag ich den
Vergleich eigentlich nicht.
• Das Epilepsiezentrum
Kork ist eine diakonische Einrichtung. Sie
sind
Wissenschaftler. Haben
Ihrer Meinung nach Vorgänge im Gehirn, die
man wissenschaftlich erklären kann, etwas
zu tun mit dem, was man als religiöses Gefühl
bezeichnet?
Steinhoff: Ja selbstverständlich. Um religiöse
Gedanken überhaupt denken oder auch ausleben
zu können, bedarf es einer gewissen Emotionalität,
natürlich auch einer gewissen übergeordneten
Einbindung emotionaler aber auch rationaler Elemente
meines Denkens, um dann zu dieser Überzeugung
zu kommen. Das kann man natürlich hirnphysiologisch
nachmodellieren und sich ungefähr vorstellen,
wie es sich in unserem Gehirn abspielt. Die entscheidende
Frage ist, warum bei manchem als Resultat die
religiöse Überzeugung da ist und bei
anderen möglicherweise nicht und wir bei
wissenschaftlichen Untersuchungen überhaupt
keine Unterschiede feststellen. Es gibt da schon
noch einen persönlichen, genetischen oder
autobiografischen Aspekt, der in die Suppe des
kortikalen Netzwerkes auch noch eingerührt
wird und dann wahrscheinlich den Geschmack bestimmt.
• Eine letzte
Frage: Was macht Ihnen Freude in Ihrer Arbeit
mit Menschen, die unter Epilepsie
leiden?
Steinhoff: Ich habe etwas gefunden, bei dem ich
das Gefühl habe, mich sinnvoll einbringen
zu können. Was ich mache, das fasziniert
mich. Ich tue jeden Tag das Meinige dazu, um
epilepsiekranke Menschen besser zu behandeln
und die Krankheitsphysiologie besser zu verstehen
und das in einem Kontext, in dem die Leute, die
hier behandelt werden, und die hier mit mir arbeiten,
zufrieden sind und alle ein Team bilden. Dafür
lebe ich. Ich habe noch nie bereut, mich der
Epileptologie gewidmet zu haben – und das
wird auch so bleiben.
Mehr Infos: www.diakonie-kork.de
letzte Aktualisierung
am 12. Juni 2007
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