Dramen
im Verborgenen
Diakonie Baden fordert Gesetzesänderung
zum Elterngeld für Hartz IV-Bezieherinnen
/ Ämter und Betroffene mit Elterngeld und
Hartz IV-Bürokratie überfordert
Karlsruhe (9.2.2011). Die
Diakonie Baden fordert zur Anerkennung der
Erziehungsleistung von Müttern
und Vätern einen Freibetrag aus dem Elterngeld,
der nicht auf Hartz IV angerechnet wird. Dies
erfordert eine Gesetzesänderung. Die Sozialarbeiterinnen
in den Beratungsstellen des evangelischen Wohlfahrtsverbandes
sprechen von derzeit „unzumutbaren Härten
für Mütter im Wochenbett“.
Das Elterngeld darf kein
arbeitsmarktpolitisches Instrument sein, so
die Fachleute der badischen
Diakonie. Auch junge Frauen und Familien in der
Ausbildung müssten sich für ein
Kind entscheiden dürfen. Sozialleistungen
dürften nicht automatisch mit der Geburt
eines Kindes eingestellt werden. Mütter
seien überfordert damit, noch im Wochenbett
Anträge stellen und Behördengänge
machen zu müssen. „Als schwangere
Frauen in 2010 zu uns in die Beratung kamen,
haben wir ihnen Mut gemacht, ihr Kind zu bekommen.
Sie würden 300 Euro Elterngeld bekommen.
Die Frauen haben uns vertraut,“ stellt
Ingrid Reutemann, im Diakonischen Werk Baden
zuständig für Frauen und soziale Arbeit
bitter fest. Sie wirft der Bundesregierung „Wortbruch“ gegenüber
Eltern vor, die sich in 2010 für ein Kind
entschieden haben. Die Arbeitsagenturen seien überfordert
und würden von der Politik im Stich gelassen,
so Reutemann. In den Gesetzen und Regelungen
zu Hartz IV seit 1.1.2011 würden junge
Familien „auf der Strecke bleiben“.
Denn seit 1.1.2011 bekommen Mütter, die
auf Hartz IV angewiesen sind, faktisch kein Elterngeld.
Es wird zwar ausgezahlt, aber von der Arbeitsagentur
sofort wieder rückgefordert und auf Hartz
IV angerechnet. Seit Dezember 2010 herrsche bundesweit
Chaos beim Elterngeld, so die Diakonie. Die Öffentlichkeit
bekomme dies nicht mit. Die Elterngeld-Dramen
spielten sich im Verborgenen ab, so der Wohlfahrtsverband
aus eigener Erfahrung. Zum Beispiel für Anabel H. (27). Die junge
Frau, die ihr Studium für ihre Kinder unterbrochen
hat, hat im November ihr drittes Kind bekommen
und seit Dezember 2010 sechs Änderungsbescheide
von dem auszahlenden Geldinstitut, der Arbeitsagentur
und dem Landratsamt. Während sie bei der
Geburt ihres Kindes im November noch mit 300
Euro Elterngeld rechnen und planen konnte, wurde
ihr kurz vor Silvester bescheinigt, dass sie
ab Januar 2011 nichts mehr bekommt. Ohne Vorankündigung,
ohne Erklärungen und Informationen stand
die Mutter plötzlich ohne Geld da. Dann
begann eine Odyssee an Änderungsbescheiden.
In den Schreiben, die von
einem Tag auf den anderen kamen, ging es ständig hin und her
zwischen Geldinstitut, Arbeitsagentur und Landratsamt.
Immer wieder wurden neue Berechnungen angestellt
, Freibeträge bescheinigt und wieder gestrichen,
Falschberechnungen zugestanden und Rückforderungen
gestellt. Dazu kommt, dass für Anabel H.
gleich nach der Geburt Hartz IV mit der Begründung
ausgesetzt wurde, es müsse nun neu berechnet
werden. Hinzu kommt dass die junge Frau regulär
ohnehin alle sechs Monate einen neuen Antrag
auf Hartz IV stellen muss.
Ohne die Beraterin der Diakonie
im Landkreis Karlsruhe hätte sie weder die Bescheide
verstanden noch damit umgehen können, so
die junge Mutter von drei Kindern im Alter von
zwei kleinen Kinder im Alter von 5 und 3 Jahren
und einem drei Monate alten Säugling. Selbst
für die fachkundige Sozialarbeiterin war
das Zustandekommen der Beträge nicht nachvollziehbar.
Sie mußte dazu raten, Widerspruch einzulegen.
Die Sozialarbeiterin der Diakonie befürchtet,
dass auch damit das Drama um Anabel H.s Elterngeld
nicht zu Ende sein wird und dass es allen Frauen
und Männern, die auf Sozialhilfe angewiesen
sind, in den nächsten Monaten so geht.
***
Bundesweit bekamen rund 950.000
Menschen zwischen 2008 und 2009 Elterngeld.
In Baden-Württemberg
waren es mehr als 120.000 (Bundesamt für
Statistik). 14 Prozent der Alleinerziehenden
in Baden-Württemberg leben von Hartz IV.
Von diesen 14 Prozent haben wiederum 30 Prozent
Kinder unter sechs Jahren.
In 2010 kamen in die Schwangerenberatungsstellen
der Diakonie Baden insgesamt 8.984 Frauen. Von
ihnen lebten 43 Prozent in einer ehelichen Gemeinschaft,
19 Prozent waren alleinerziehend.
2.762 Frauen bekamen Hartz
IV. Von diesen 2.762 Frauen hatten 1.000 bereits
ein Kind, 680 hatten
bereits zwei Kinder, 305 hatten bereits drei
Kinder, 123 hatten bereits vier Kinder. 86 Frauen
hatten bereits fünf oder mehr Kinder. 504
Frauen hatten noch kein Kind. Insgesamt hatten
82 Prozent der 2.762 Ratsuchenden bereits Kinder
und waren höchstwahrscheinlich deshalb nicht
oder nur teilweise berufstätig. Mehr als
die Hälfte der Frauen (1062), die in die
Schwangerenberatung kamen und Hartz IV erhielten,
waren und sind alleinerziehend.
letzte Aktualisierung
am 14. Februar 2011
|