Das
gesellschaftliche Bewusstsein hat sich verändert
Ehrenamtliche in der Altenheimseelsorge
und im Altenheimbesuchsdienst sind heute zwischen
25 und 70 Jahren alt; darunter auch zahlreiche
Frauen mit kleinen Kindern. Was dieses bürgerschaftliche
Engagement den Ehrenamtlichen und den Menschen
im Heim bedeutet, darüber sprach Angelika
Schmidt mit Gabriele Stumpf, Ute Schmidtborn,
Elisabeth Schröter und Dr. Urte Bejick.
Bei Altenheimseelsorge
denkt man an den Pfarrer. Frau Schmidtborn,
Sie sind
in der Altenheimseelsorge
ehrenamtlich tätig.
Was ist der Unterschied?
Schmidtborn: Es gibt viele Möglichkeiten,
wie man sich einbringen kann. Ich habe an einem
Einführungsseminar,
das von Gabriele Stumpf vom Diakonischen Werk
und Elisabeth Schröter von der Seniorenseelsorge
geleitet wird, teilgenommen, in dem die Einsatzmöglichkeiten
aufgezeigt wurden. Altenheimseelsorge ist umfassender,
als Seelsorge im engen theologischen Sinn, sie
bedeutet mehr für mich: Wie kann ich meine Fähigkeiten
in den Ablauf des Altenheimes zum Wohl der Bewohner
einbringen. Es geht zuerst um die Frage: wie
kann ich als
noch
Gesunde
meine
Fähigkeiten einbringen in den Ablauf eines
Altenpflegeheimes. An erster Stelle steht der
Besuch, damit man ein bisschen Abwechslung in
den Tagesablauf bringt. In dem Einführungsseminar
wurde aufgezeigt, zum Beispiel wie ich
so ein Gespräch
gestalten kann? Dass ich bestimmte Tage festlegen
sollte, an denen ich dann regelmäßig komme. Das
ist für
die alten Menschen wichtig. Außerdem gibt
es Feste, bei denen man mithelfen kann, oder
man kann das Essen reichen …
Schröter: … Mit
den Leuten mal rausgehen an die frische Luft.
Wir verstehen die Ehrenamtlichen auch als
Brücke nach außen und dass wir die
Außenwelt ins Heim bringen.
Dr. Bejick: In der ehrenamtlichen Begleitung
im Pflegeheim verschränken sich ja Seelsorge
und Besuchsdienst ganz eng. Da kann es einmal
speziell geschulte
Ehrenamtliche geben, die Seelsorge im engeren
Wortsinn leisten. Und andere, die mit ihren Besuchen
den BewohnerInnen einfach etwas Abwechslung und
Freude bringen wollen, mit ihnen auch einmal
in den Garten gehen. Wichtig ist, dass es hier
keine Hierarchie zwischen den einzelnen ehrenamtlichen
Tätigkeiten gibt, etwa in das tiefsinnige
Gespräch und den „niederen“ Rollstuhlfahrdienst
oder das Kaffeeausschenken. Das Besondere an
den Besuchen im Pflegeheim ist ja, dass es diese
Unterscheidung so nicht gibt und auch kein Gefälle
zwischen BesucherInnen und Besuchten.
Gabriele
Stumpf, im Diakonischen Werk Karlsruhe,
zuständig für die
Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen
im Rahmen der Altenhilfe gemeinsam mit
Ute Schmidtborn, ehrenamtliche Altenheimseelsorgerin
(von links)
Foto: Schmidt
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Frau Schmidtborn, warum engagieren Sie sich
im Besuchsdienst?
Schmidtborn: Meine Eltern waren
beide im Heim. Ich finde es wichtig, dort zu
helfen, weil das
Pflegepersonal diese persönliche Zuwendung
im Regelfall aus zeitlichen Gründen nicht
mehr so intensiv erbringen kann. Sie sind in
der Pflege so ausgelastet, dass sie keine
Zeit haben, sich ans Bett zu setzen und ein Gespräch
zu führen. Ich bin körperlich gesund
und finde es auch wichtig, dass man im Ruhestand
noch eine Aufgabe hat und auch Dinge weitergeben
kann.
Und was macht das mit Ihnen?
Schmidtborn: Ich
habe viel Echo. Eine der Damen sagte mir: Ich
freue
mich
am Donnerstag
immer
schon,
wenn Sie am Samstag kommen. Es ist wirklich sehr
schön. Ich kenne auf dem Stockwerk alle
Heimbewohner. Manchmal ist es auch etwas bedrückend,
wenn man sieht: Es ist die letzte Station. Es
nimmt alles ab, körperlich, geistig. Man
erlebt, wie die Kräfte nachlassen.
Frau Stumpf, warum
sind Einführungskurse
nötig für diejenigen, die sich ehrenamtlich
in der Altenheimseelsorge engagieren möchten?
Stumpf: Die Menschen im Pflegeheim
haben verschiedene gesundheitliche Einschränkungen,
kommen aus unterschiedlichen Umfeldern,
haben verschiedene Wünsche und Bedürfnisse.
Das strömt alles auf die Ehrenamtlichen
ein. Auf der anderen Seite müssen sie sich
auch in die Rahmenbedingungen im Pflegeheim einfinden
können. Und die Frage, welche meiner Fähigkeiten
kann ich einbringen. Welche Lieder sind bei den
Bewohnern noch bekannt aktuell, was kann ich
vorlesen. Es wird in den Kursen auch viel Material
angeboten. Der
Kurs
umfasst fünf
Einheiten. Diese Zeit kann auch dazu dienen,
um herauszufinden, ob dieses Ehrenamt passend
für mich ist, ob ich da auch richtig aufgehoben
bin. Im Besuchsdienst ist man oft allein unterwegs.
Im Kurs lernt man andere Teilnehmende kennen.
Wir haben auch einen monatlichen Stammtisch
während
der Seminare. So ist man als Ehrenamtliche nicht
auf sich allein
gestellt.
Sie begleiten die Ehrenamtlichen
anschließend
auch. Was für Themen kommen da bei Ihnen
an?
Stumpf: Ein großes Thema ist immer die
innere Abgrenzung. Dass ich Leid nicht mit nach
Hause nehme. Dass ich ganz da bin, wenn ich im
Heim bin, aber mir auch bewusst mache, dass ich
die Lebenssituation der Bewohner nicht verändern
kann. Was man an eigener Lebensgeschichte mitbringt,
ist auch oft ein Thema in den Begleitungsgesprächen.
Und auch die Konflikte im Heim. Wie kann ich
es einordnen, wenn die Stimmung mal nicht so
gut ist, wenn ich ins Heim komme? Wo kann ich
einfach mal Dampf ablassen?
Schröter: Es kommen auch Fragen des eigenen
Alters zur Sprache- wie man selbst später
leben möchte. Es geht auch darum, negative
Bilder vom Altenpflegeheim aufzulösen. Die
Ehrenamtlichen lernen verschiedene Einrichtungen
kennen, durch die sich Bilder, die sie vorher
hatten, verändern.
Wie kommt es bei den
Bewohnern an, wenn eine ehrenamtliche Besucherin
ins
Heim kommt, die
sie gar nicht kennen? Was hören Sie aus
den Heimen?
Schröter: Anmerkung Gabi
Stumpf: Die Leitung des Pflegeheims vermittelt
die Besuche
und macht sich Gedanken.
Wir fragen vorher bei
der Heimleitung nach, wer keine Angehörigen hat
und für wen es schön wäre, wenn er oder sie Besuch
bekäme. Wir machen uns viele Gedanken vorher,
wer von der
Persönlichkeit
gut zusammen passen könnte. Da gibt es Bewohner,
die sind froh, dass jemand für sie da ist.
Dann gibt es aber auch Bewohner, wo die Kombination
nicht passt und wir nach einer anderen suchen
müssen. Das gibt es schon. Es kommt sehr
auf die Heimleitung an, ob sie ein Gespür
dafür hat.
| Elisabeth
Schröter, Seniorenseelsorge des Evangelischen
Kirchenbezirks
Karlsruhe und Dr. Urte Bejick, zuständig
im Diakonischen Werk Baden für die Seel-sorge
an besonders pflegebedürftigen und psychisch
veränderten alten Menschen in Einrichtungen
der Altenhilfe (von links) Foto: Schmidt |
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Die demographische Entwicklung sagt mehr Senioren
in den Heimen voraus. Brauchen Sie dann auch
mehr Ehrenamtliche in der Altenheimseelsorge?
Wie kann ich mich da engagieren?
Schröter: Das wird noch ein großes
Thema werden. Dann sind auch die Kirchengemeinden
gefragt, sich zu engagieren, Leute anzusprechen
und zu vernetzen. In diesem Jahr hatten wir viele
Anmeldungen für den Einführungskurs.
Ich weiß nicht ob sich das gesellschaftliche
Bewusstsein verändert hat oder ob unsere
Kurse einfach so gut sind.
Was meinen Sie Frau
Stumpf? Hat sich etwas im gesellschaftlichen
Bewusstsein
verändert?
Stumpf: Ich meine, der Blickwinkel
ist weiter geworden. Wir haben viele Frauen,
die mit 55
Jahren keine Möglichkeit mehr haben, sich
im Berufsalltag zu etablieren. Die bringen ihre
Fähigkeiten im Besuchsdienst ein. Es gibt auch
Menschen,
die im Beruf sehr eingespannt sind, aber sagen:
Der Beruf kann doch nicht alles sein. Ich will
mich im Sozialen engagieren. Noch vor acht Jahren
hatten wir vor allem Frauen über 60 im Kurs.
Heute ist es ein Spektrum von Frauen und Männern
zwischen 25 und 70 Jahren. Sie sagen, mit dieser
Aufgabe
kann ich etwas anfangen. In das Ehrenamt im Altenpflegeheim
kann man ja auch seine Talente mit einbringen.
Ich kann meine Kreativität einbringen …
Stumpf: Ja. Wenn Sie
sagen, Sie kochen leidenschaftlich gern und dann
besteht die Möglichkeit, eine Kochgruppe zu gründen,
dann sind sie willkommen …
Zu wem würden Sie sagen: Für
Sie ist dieses Ehrenamt nichts?
Stumpf: Menschen, die in Krisensituationen
sind und einen eigenen Verlust noch nicht verarbeitet
haben. Die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer
gehört dazu. Deshalb ist es wichtig, psychisch
stabil zu sein oder sich auch mal Hilfe zu holen.
Auch für Frauen mit Kindern ist es ein schönes
Ehrenamt. Wir hatten auch immer wieder Frauen
mit kleinen Kindern, die Besuche gemacht haben.
Da gibt es viele unkomplizierte Gesprächsthemen
und Spaß wenn die Kinder mitkommen.
Schröter: Es ist
wichtig sich zu überlegen,
ob ob ich mich über einen längeren Zeitraum engagieren
möchte. Sonst bringt es nur Unruhe ins Heim und
bei alten Menschen werden falsche Erwartungen
geweckt.
Frau Dr. Bejick, hat ehrenamtliche Altenheimseelsorge
eigentlich auch eine sozialpolitische Dimension?
Dr. Bejick: Die sozialpolitische Dimension kommt
zum Beispiel dann ins Spiel, wenn Menschen sagen:
Ich bringe mich lieber um als dass ich ins Heim
gehe. Es gibt Immer noch große Vorbehalte,
in ein Heim zu gehen. Deshalb ist es wichtig,
dass Pflegeheime transparenter werden, sich nicht
abschotten, dass viele Menschen von außen
auch in die Heime gehen und sehen, wie es da
wirklich zugeht. So, dass Pflegeheime auch als
normal angesehen werden, als offene Einrichtungen,
in die man hinein gehen kann.
Ist die Seelsorge an alten Menschen ein rein
kirchliches Thema oder spielen auch Land und
Kommunen dabei eine Rolle?
Dr. Bejick: Es war ein rein kirchliches Thema,
solange es hieß, dass Gemeindepfarrer zuständig
sind für ein Heim und die Bewohner wie andere
Gemeindemitglieder auch anzusehen sind. Dabei
wird jedoch die besondere Situation der Menschen
im Heim nicht gesehen. Es reicht nicht, wenn
der Pfarrer zu jedem runden Geburtstag kommt.
Schröter: ...
oder einmal im Monat schnell zum Gottesdienst
kommt und dann wieder geht. Eine
größere Präsens wäre für alle Beteiligten wünschenswert.
Dr. Bejick: Es ist für
Pfarrer oder Pfarrerinnen aber auch nicht mehr
zu leisten,
wenn sie mehrere
Heime in ihrer Gemeinde haben. Es gibt Träger,
die eigene Seelsorger anstellen. Eine Zukunftsperspektive
wäre, analog zur Krankenhausseelsorge, einige
Stelle zu schaffen, wo Seelsorger/innen für
mehrere Heime zuständig sind und als MultiplikatorInnen
wirken.
Außerdem muss es Wohn- oder Versorgungsformen
geben zwischen dem Zuhause und dem Heim. Mit
der Zunahme von Menschen mit Demenz ist es wichtig,
dass es auch Hilfe in der Nachbarschaft gibt
und Ehrenamtliche, um die Angehörigen und
Heime zu entlasten. In den Kommunen wird dieses
bürgerschaftliche Engagement auch gestützt.
Kirche ist ja auch Teil der Kommune und kann
sich nicht heraus nehmen. Weil wir in den Kirchengemeinden
eine Struktur für den Aufbau von Ehrenamtlichkeit
haben, wäre es nicht nur eine wichtige Aufgabe
für sie, sondern natürlich auch eine
große Chance Ich kenne niemanden im Haupt-
oder Ehrenamt, der oder die mir nicht gesagt
hätten, dass die Besuche im Pflegeheim auch
sie und ihr Leben verändert hätten-
zu mehr Intensität, ja „Frömmigkeit“ hin.
Was ist für Sie
das Wichtigste in ihrer ehrenamtlichen Seelsorgearbeit?
Schmidtborn: Einfach da zu sein. Das ist das
Wichtigste. Die Menschen wollen meistens erzählen,
wenn sie geistig noch fit sind.
Stumpf: Es ist gut, dass Sie das betonen.. Ehrenamtliche
werden in Pflegeheimen nicht angefragt, weil
die Pflege nicht gut wäre. Die Pflegekräfte
sind gut ausgebildet und hoch motiviert. Es gibt
eine klare Grenze zwischen den pflegerischen
und den ehrenamtlichen Tätigkeiten. Das
darf man nicht vermischen.
Schmidtborn: … und sich auch nicht einmischen.
Stumpf: Ja, das ist das allerschlimmste. Früher
hat man immer gedacht, dass Ehrenamtliche nur
Bewohner besuchen, die keine Angehörigen
haben. Das ist heute nicht mehr so. Viele Angehörige
sind berufstätig oder wohnen in einer anderen
Stadt. Die Heimleitung entscheidet unabhängig
davon. Wir würden uns ja auch Kontakte wünschen
wenn wir ins Heim einziehen. Ehrenamtliche können
sich einfach zu jemandem setzen…
Schmidtborn: … sind frei…
Stumpf: Ja, sie sind frei im Kontakt. Das finde
ich die große Kraft der Besuche.
Schröter: Ehrenamtliche
bringen auch oft Bewohner zum Gottesdienst. Das
hört sich
einfach an, ist aber ganz wichtig, da die Pflegekräfte
oftmals keine Zeit dafür haben. Das können Ehrenamtliche
aus den Gemeinden gut unterstützen. Das könnte
auch eine Kirchengemeinde gut anregen.
Kontakte:
stumpf@dw-karlsruhe.de
es@ev-kirche-ka.de
letzte Aktualisierung
am 31. März 2010
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