„Es
ist nicht nur eine Frage des Geldes“
Kinder und Hartz IV: Zugang zu Bildung ist
wichtig/ Warme Mahlzeit und Grundsicherung 
Ein Gespräch mit
Ingrid Reutemann und
André Paul
Stöbener, im Diakonischen Werk Baden zuständig
für die soziale
Arbeit der Diakonie in Baden
Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes
am 9. Februar kam bei vielen Menschen Hoffnung
auf, die Regelsätze für Kinder, die
Hartz IV bekommen, würden sich jetzt erhöhen.
Nun kommen die ersten Stimmen, die sagen: Dass
sich die Regelsätze erhöhen, ist gar
nicht gesagt. Das Gericht forderte lediglich
eine angemessene Berechnungsgrundlage für
die Regelsätze. Wie müsste diese Berechnungsgrundlage
für Kinder aussehen?
Das Urteil
des Bundesverfassungsgerichtes hat etwas Wichtiges
festgestellt. Das was die Regelleistung
abdecken muss, ist am Bedarf eines Kindes auszurichten
und muss sich an der Würde des Menschen
zwingend orientieren und an den Altersstufen
des Bildungsplanes. Lebenssituationen unterscheiden
sich. Wir freuen uns über pauschale Beträge,
die einen Verwaltungsaufwand vereinfachen und
auch vieles berechenbarer und überschaubarer
macht. Aber gerade um einer Gerechtigkeit willen
muss z.B. eine Krankheit oder Trennung in einer
Familie und die daraus entstehenden höheren
Aufwendungen Berücksichtigung finden.
Welche Bedeutung hat das
für Baden-Württemberg?
Auch in Baden-Württemberg gibt es Kinderarmut.
Das größte Problem dabei ist, dass
sich unsere Gesellschaft immer mehr auseinander
dividiert. Wir haben Familien, die in guten Verhältnissen
leben und sie geben alle Chancen, Bildung und
ein gutes Auskommen an ihre Kinder weiter. Und
daneben gibt es eine Bevölkerungsschicht,
die durch Armut und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet
ist. Nach ihrer Zukunft befragt, stellen sich
Kinder auf Arbeitslosigkeit ein. Sie sehen keine
Möglichkeit der Weiterentwicklung. Sich
aus ärmeren Verhältnissen nach oben
zu arbeiten, wird immer weniger möglich,
wie es einzelne Untersuchungen zeigen. Das ist
nicht nur eine Frage des Geldes. Aber ohne die
finanziellen Mittel ist wenig möglich In
einer Familie, die lange zu wenig zum Leben hat,
kann gar keine Entscheidungen mehr treffen, wofür
nun Geld ausgegeben wird. Die Wünsche nehmen überhand
und Wunscherfüllungen sind von außen
nicht immer rational nach zu vollziehen.
Wie lassen sich solche
Probleme lösen?
Was Familien aus einer schwierigen Lebenssituation
heraus führen kann, das sind Bildungsanreize
und Möglichkeiten Neues und Anderes kennen
zu lernen. Das Thema Armut können wir
also nicht nur von der Höhe des Regelsatzes
her betrachten. Sondern es gehört auch
Verbesserungen und Unterstützungsangebote
im Lebensumfeld dazu. Das soziale Umfeld soll
Entwicklungsanreize bieten, in Kindergärten,
in Schulen, in den Wohngebieten. Dort muss
es Angebote geben für Familien mit Kindern,
die das Leben erleichtern und Spaß machen.
Wir müssen auch sehen, welche familienunterstützenden
Angebote aus den Gemeinden heraus erwachsen
können. Es muss selbstverständlich
werden, dass Kinder in Kindergärten und
Schulen eine warme Mahlzeit bekommen. Wir müssen
dahin kommen, dass kulturelle Angebote kostenfrei
sind oder nur wenig kosten, so dass arme Familien
nicht überlegen müssen, ob sie es
sich leisten können. Familienerholungsmaßnahmen
müssen wieder individuell bezuschußt
und als Bildungschancen für Kinder und
Eltern genutzt werden.
Also müssen die Regelsätze für
Kinder aus Familien, die Hartz IV beziehen, steigen?
Ja, die Regelsätze für Kinder müssen
erhöht werden. Sie liegen eindeutig unter
dem Existenzminimum für Kinder, unter dem
was Kinder für ihr Leben und ihre Entwicklung
brauchen. Das Existenzminimum von Kindern ist
nach dem Steuerrecht höher angesetzt. Es
entspricht nicht einem Gleichheitsgrundsatz,
wenn die Steuerersparnis für ein Kind höher
ist als eine Grundsicherung für ein Kind,
dessen Eltern kein ausreichendes Einkommen haben.
Arme und reiche Familien gab es schon immer.
Heute ist aber das Hauptproblem, dass aus bestimmten
Lebenssituationen keine Weiterentwicklung mehr
möglich ist. Es scheint so zu sein, dass
Armut und damit der Ausschluss von Lebensmöglichkeiten
vererbt wird. Das darf nicht sein. Das ist ungerecht
und muss wieder aufgebrochen werden. Es muss
die Möglichkeit zu einer Veränderung
geben. Die Kinder müssen eine Chance bekommen,
dass sie etwas erreichen, dass auch sie ihr Leben
gestalten können. Sie dürfen im öffentlichen
Leben nicht anders behandelt werden als Kinder
wohlhabender Eltern. Es
wird darauf gedrängt, die Regelsätze
für Kinder zu erhöhen. Die Frage ist,
wer das zahlt. Denn alle klagen über leere
Kassen. Nehmen wir das Beispiel „Warmes
Mittagessen an Schulen“. Damit das möglich
wird, müsste doch entweder der Regelsatz
Hartz IV für Kinder entsprechend erhöht
werden oder die Kommune das Mittagessen finanzieren.
Wie könnte es laufen?
Zum Finanzausgleich zwischen Land und Kommunen
gibt es so neue und auch alte Fragen. Auf die
Kommunen sind in der Tat in den letzten Jahren
mehr und mehr Aufgaben zugekommen. Dabei ging
Flexibilität verloren und an manchen Orten
wird im präventiven Bereich gespart. Es
dient auch nicht der Bildung der Kinder, wenn
in einer Kommune, die zu wenig Geld hat, das
Museum geschlossen werden muss. Kinder, die Hartz IV bekommen,
sind arm. Die Diakonie Baden fordert, dass
auch arme Kinder
teilhaben können am gesellschaftlichen Leben.
Was meint Teilhabe? Heißt es, sie sollen
genauso viel Geld für Diskobesuche zur Verfügung
haben wie Kinder reicherer Eltern?
Teilhabe beinhaltet die Möglichkeit zum
mitbestimmen und mitgestalten. Dabei sein ohne
Stigmatisierung, Ausgrenzung oder Diskriminierung
in den unterschiedlichen Lebensbereichen. Ungerecht
ist, wenn Kinder armer Familien von vielen Erfahrungen
ausgeschlossen sind, abgehängt werden. Teilhabe
wird dabei zur Aufgabe: Wir müssen Entwicklungschancen
bieten, vor allem im Bildungsbereich. Kinder
reicher Eltern werden immer mehr Geld – auch
für Diskobesuche - zur Verfügung haben.
Aber es muss Staatsaufgabe sein, für einen
vertikalen Ausgleich zu sorgen.
Es gab schon immer
arme und reiche Familien. Was ist das genau
was wir
für unsere Gesellschaft
heute erwarten?
Die fehlende Möglichkeit zur Veränderung
ist ungerecht und muss aufgebrochen werden. Die
Kinder müssen eine Chance bekommen, dass
sie etwas erreichen, dass auch sie ihr Leben
gestalten können. Sie dürfen im öffentlichen
Leben nicht anders behandelt werden als Kinder
wohlhabender Eltern. Wir setzen uns für
ein Grundeinkommen für Kinder ein. Das wäre
eine Gleichbehandlung von Kindern seitens des
Staates. Es ist wichtig, dass die Bedürfnisse
von Kindern unabhängig vom Einkommen der
Eltern berücksichtigt werden. Vor Ort brauchen
Familien viele Angebote, die die Betreuung, Bildung
und Erziehung der Kinder unterstützt. Dazu
gehören auch Freizeitangebote. Wie verbringen
Kinder und Jugendliche ihre Freizeit? Ferien
müssen auch für Familien mit einem
kleinen Geldbeutel zu gestalten und erschwinglich
sein. Stadtranderholung oder Familienfreizeiten
sollten an allen Orten in Baden-Württemberg
möglich sein.
Untersuchungsergebnisse
zum Thema Familienerholung finden Sie bei den
Instituten für Familienforschung
letzte Aktualisierung
am 17. Februar 2010
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